Interview mit Johannes Simons, Demeter Berater in den Demeter-Kulturregionen: Mittlerer Schwarzwald, Nordschwarzwald, Südschwarzwald, Oberrhein

Rinderhaltung: Kuhwohl ist mehr als ein moderner Laufstall

Foto: Sonja Jürschik, Demeter Baden-Württemberg e.V.


In der Rubrik # Glücksstall hat Jonas Klein von #Ö - Ökologisch erfolgreich mit Demeter-Berater Johannes Simons gesprochen. Wir haben die Erlaubnis des Ulmer Verlags, das Interview hier wiedergeben zu dürfen.

Jonas Klein, #Ö: Was brauchen Rinder im Stall, um glücklich zu sein?

Johannes Simons, Demeter Beratung e.V.: Dafür muss man vielfältige Bedürfnisse berücksichtigen! Zum einen hat jedes Tier sechs Grundbedürfnisse: Wasser, Futter, Tageslicht, Frischluft, Bewegung und Ruhe. Diese Grundbedürfnisse müssen zuerst befriedigt werden. Dazu kommen jedoch noch weitere Bedürfnisse, die mitunter vernachlässigt werden: die Sexualität, das Soziale und die Möglichkeit, Futter zu selektieren. Wenn man diese Bedürfnisse nicht vergisst, wird es dem Tier deutlich besser gehen. Wenn ein bestehendes Gebäude umgebaut wird, müssen für die Befriedigung dieser Bedürfnisse in der Regel viele Wände herausgerissen werden, um Licht und Luft in den Stall zu bekommen. Sackgassen werden aufgelöst, damit die Tiere sich ausweichen können. Auch das Einbauen von Ausläufen oder der Weideauslauf, mindestens in Form einer Joggingweide, geben der Kuh die Möglichkeit, ihre soziale Seite auszuleben. Im Boxenstall hat jede Kuh ihre eigene Box und so fehlt die Möglichkeit, sich mit Freundinnen in Kleingruppen zusammenzulegen, was auf der Weide wiederum möglich ist. Durch das Weiten von Fressachsen kann hier der Stress reduziert werden, sodass die Kühe mit mehr Ruhe fressen können. Kühe haben auch das Bedürfnis, ihre Sexualität auszuleben, was nur möglich ist, wenn ein Bulle in der Herde mitläuft oder sie von einem Bullen gedeckt werden. Dieser Natursprung wird bei Demeter bevorzugt, während auf vielen Betrieben nur die weiblichen Tiere gehalten werden. Die Bullen werden gemästet, kommen aber in der Zucht nicht zum Einsatz. So wird das Feld den Zuchtunternehmen überlassen, wodurch der Landwirtschaft einiges an Potenzial verloren geht!

Jonas Klein, #Ö: Welche Grundbedürfnisse der Kühe werden bei Stallum- oder Neubauten oft vergessen?

Johannes Simons, Demeter Beratung e.V.: Da gibt es verschiedene Punkte. Zum einen ist die Kuh eine Freiflächentrinkerin. Oft gibt es im Stall zu wenig Wasserflächen. Man nimmt ordentlich Stress aus dem Leben der Tiere, indem man weitere geeignete Orte zum Anbringen einer Freiflächentränke ausfindig macht und dort Tränken anbringt. Außerdem ist es wichtig, Futter anzubieten, das die Kuh wirklich wiederkäuen lässt. Bei Demeter sind dies beispielsweise im Winter mindestens 3 kg TM Heu pro Tag, im Sommer – sofern möglich – auch, damit die Kuh die notwendige Wiederkäutätigkeit ausüben kann. Das macht die Tiere fit und wach! Ebenso wichtig ist Ruhe während der Fresszeiten, damit die rangniederen Tiere ohne Hektik fressen können, was baulich durch Fressgitter umgesetzt werden kann. Etwa 30 bis 40 % des Tierwohls werden über den Stallbau bestimmt, der Rest liegt im Herdenmanagement und damit in der Hand des Landwirts. In der fachlichen Praxis kann oft schneller etwas verändert werden als am Stall.

Jonas Klein, #Ö: Was mache ich mit meinem Gebäude, wenn es neue Anschauungen zum Tierwohl gibt?

Johannes Simons, Demeter Beratung e.V.: Entscheidend für die langfristige Funktionalität eines Neubaus ist, den Fokus darauf zu legen, dass ich als Landwirt über das System im Stall entscheide und nicht der Stall dies bestimmt. Ich brauche einen flexiblen Stall, um auch in ein paar Jahren noch Veränderungen vornehmen zu können, etwa das Umsteigen auf kuhgebundene Kälberaufzucht oder saisonale Abkalbung. Das Gebäude sollte so modular aufgebaut sein, damit man seine Strategie auch wechseln und an neue Gesichtspunkte und Erkenntnisse in der Tierhaltung anpassen kann. Viele Stallbaufirmen verkaufen geschlossene Systeme, etwa einen klassischen Boxenlaufstall. Das System mag gut sein, aber um für diese Veränderungen offen zu sein, empfehle ich einen flexiblen, modularen Aufbau, in dem sich Veränderungen einfach und kostengünstig realisieren lassen.

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