Kinder auf dem Bauernhof

Begreifen wie wir mit Böden, Pflanzen, Tieren verbunden sind

Bauernhofpädagogik auf dem Demeterhof Engelberg mit Clemens Luber

Bauernhofpädagogik auf dem Demeterhof Engelberg mit Clemens Luber


Die Zukunft der Landwirtschaft liegt in unserer Hand. In den letzten 20 Jahren wurden 200.000 von ehemals 473.000 deutschen Höfen aufgegeben. Nur wenige Menschen haben überhaupt noch Kompetenzen in sogenannten „Grünen Berufen“ und wissen wie Gemüse, Kräuter oder Obst gedeihen, wie Tiere artgerecht gehalten und geschlachtet werden. In den letzten Monaten erfährt die Landwirtschaft - auch ausgelöst durch mehrere Volksbegehren, u.a. dem „Volksbegehren Artenschutz“, sowie durch die Pandemie und der Fridays for Future Bewegung – vermehrten Zuspruch von Verbraucher*innen. Über die gesteigerte Wertschätzung können sich vor allem Bio-Landwirt*innen freuen.

Auf einem Biohof gibt es für Kinder viel zu erleben, was lebensprägend sein kann: die jahreszeitlichen Rhythmen, die Zusammenarbeit von Landwirt*innen bzw. Gärtner*innen mit der Natur und das alles durch Sinneserfahrungen, durch aktives Handeln und Erfolgserlebnisse. Dass gerade jetzt Bauernhofpädagogik immer wichtiger wird, findet Agraringenieurin Anja Kirchner vom Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof (BAGLoB):

Bauernhofpädagogik in Zeiten der Pandemie – geht das überhaupt ?

Anja Kirchner (A.K.) Gerade jetzt sehnen sich die Menschen nach Lebendigkeit, Natur, Begegnungen mit Mensch und Tier – alles Dinge die es auf den Höfen gibt. Hier geht das Leben recht „normal“ weiter. Natürlich können die Angebote während des Lockdowns nicht stattfinden. Doch im letzten Sommer hat trotzdem viel stattfinden können und die kleinen und großen Besucher waren dankbar dafür. Meine Prognose ist, dass die Nachfrage steigen wird, sobald wir als Gesellschaft diese Herausforderungen gemeistert haben. Eltern und Kinder werden dann umso mehr kreative Auszeiten auf den Höfen genießen.

Was beinhaltet Bauernhofpädagogik generell?

A.K.: Der Begriff wurde bei der ersten Qualifizierung zur Bauernhofpädagogik 2005 in Schleswig-Holstein ins Leben gerufen. Charakteristisch sind individuelle auf den Hof zugeschnittene Angebote und erlebnispädagogische Elemente in der Landwirtschaft mit denen sich ein Einkommen erwirtschaften lässt. Solche Angebote gibt es nicht nur für Kinder, sondern auch für Jugendliche, Erwachsene und sogar Senioren.

Wer darf sich Bauernhofpädagogin oder Bauernhofpädagoge nennen?

A.K. Wer an einer mehrtägigen Qualifizierung Bauernhofpädagogik teilnimmt, erhält nach erfolgreichem Abschluss ein Zertifikat. Allerdings ist die Qualifizierung keine staatlich anerkannte Ausbildung. Mehrtägige Qualifizierungen zur Bauernhofpädagogik gibt es u.a. in Schleswig-Holstein, Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, sowie mittlerweile auch in anderen Bundesländern. Es können sich auch Erzieher*innen und naturpädagogisch Interessierte weiterbilden lassen.

Was können Kinder auf einem Biobauernhof erleben und verinnerlichen?

A.K. Wichtig im Sinne von Bildung von nachhaltiger Entwicklung (BNE) ist, dass Kinder auf dem Bauernhof selbst handeln. Zum Beispiel Kartoffeln beim Setzen, Hacken und Ernten der Knollen erleben. Dabei erfahren sie wie Landwirtschaft funktioniert und wie wetterabhängig sie ist. Das schafft Bewusstsein für unsere Lebensgrundlage und Wissen über Bio-Essen und darüberhinaus machen sie viele wichtige Erfahrungen, die sie fürs Leben stärken.

Warum bieten besonders viele Bio-Betriebe Bauernhofpädagogik an? 

A.K. Biolandwirt*innen sind "Botschafter*innen nachhaltige Entwicklung“. Sie haben bereits vor Jahren Wege eingeschlagen, als „Bio“ noch gar nicht im Trend lag. Und sie leben schon lange einen nachhaltigen Umgang mit Gemeinschaftsressourcen wie Boden, Luft und Wasser. Die Vielseitigkeit der Bio-Betriebe bietet viele Möglichkeiten für pädagogische Angebote bei denen lebenspraktische Kompetenzen erworben werden können. Zudem sehen viele Bio-Bauern und- Bäuerinnen die Bildungsarbeit als wichtige Aufgabe auf ihren Höfen.

Sind die Angebote kostenpflichtig?

A.K. Das Engagement der Bäuerinnen und Bauern sollte auf jeden Fall honoriert werden. Schließlich stellen Landwirt*innen ihre Zeit und ihre Höfe zur Verfügung, um z.B. Schulunterricht mit Praxiswissen zu ergänzen, sie bieten Ferienangebote, Kindergeburtstage oder jahreszeitliche Kurse an und bieten besondere Erlebnisse mit Tieren oder in der Natur. Im Idealfall kann diese wertvolle Tätigkeit einen eigenständigen Betriebszweig ermöglichen.  

Wo gibt es Höfe, die Bauernhofpädagogik oder sogar „Kindergarten auf dem Bauernhof“ anbieten?

A.K. Viele Demonstrationsbetriebe bieten Angebote für Kinder und Erwachsene an. Geeignete Betriebe oder Informationen zu Bauernhofkindergärten finden sich auf der Homepage der Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof (BAGLoB) oder bei regionalen Initiativen wie z.B. Lernort Bauernhof www.lob-bw.de.

Für wen ist die Fortbildung „Bauernhofpädagogik“ geeignet?

A.K. Viele haben tolle Ideen, was sie auf den Höfen anbieten wollen. Nur fehlt Einigen noch der Mut zur Umsetzung. So kann die Qualifikation der Motivationsschub sein. Außerdem wird der Blick auf die eigenen Talente gelenkt, denn meist erachten Landwirt*innen vieles als selbstverständlich, was für landwirtschaftsferne Menschen große Aha-Effekte auslöst. So entstehen konkrete Projektideen wie man aus wenig viel machen kann. Und natürlich ist die Qualifizierung auch eine gute Vernetzungsmöglichkeit.

Anja Kirchner organisiert seit zehn Jahren bauernhofpädagogische Aus- und Fortbildungen. Im März 2021 startet die nächste Qualifizierung Bauernhofpädagogik, die von Demeter Baden-Württemberg mit unterstützt wird. Hier gibt es den Flyer und das Anmeldeformular – die Anmeldefrist geht bis zum 5. Februar 2021. Kontakt: Anja Kirchner, Organisatorin/Referentin für bauernhofpädagogische Aus- und Weiterbildung, mobil: 0176 23301159, E-Mail: anja-kirchner[ / at \ ]gmx [ / dot \ ] de

Bereits zum 11. Mal findet die Qualifizierung Bauernhofpädagogik in Baden-Württemberg statt. Seit 2011 wurden mehr als 170 Bauernhofpädagog*innen in BaWü qualifiziert. Demeter-Betriebsleiter und Bauernhofpädagoge Clemens Luber hat seit vielen Jahren regelmäßig Kindergruppen auf seinem Hof. Er hatte Besuch vom SWR.

Videobeitrag SWR Landesschau: